Grablege in der Großstadt

von Juliane Bittner (Katholische Sonntagszeitung vom 8./9. August 2009)

BERLIN - Ob die klassische Erdbestattung oder eine Urnenbeisetzung gewünscht wird: Auf dem katholischen St. Matthias-Friedhof in Tempelhof-Schöneberg gibt es Gräber, die für beide Bestattungsarten geeignet sind. Die Friedhofsverwaltung hat neue Formen der Bestattungskultur entwickelt.
Denn die Bestattungskultur liege ihr am Herzen, betont Friedhofsverwalterin Annegret Habel. Deshalb hat sie - ausgehend von der demografischen Entwicklung in einer Großstadt und den damit verbundenen Veränderungen der Lebensstile - neue Formen entwickelt.
Bei den Erdbestattungen, für die es üblicherweise das Wahlgrab und das Reihengrab gibt, bietet sie zum Beispiel das Rasenreihengrab an. Es ist eine Form des Reihengrabes, doch für die Angehörigen pflegefrei: Für 20 Jahre übernehmen die Gärtner des St. Matthias-Friedhofs die Grabpflege. Die Kosten dafür sind in den Beerdigungskosten enthalten. Annegret Habel sieht es realistisch: Viele Angehörige hätten heute wenig Zeit für eine angemessene Grabpflege, oder sie wohnten, der hohen Mobilität geschuldet, woanders, kämen nur selten zum Grab. „Aber wenn sie kommen, sollen sie an einen Ort kommen, der gepflegt ist“, sagt sie. In die Rasenanlage wird eine Steinplatte mit den Daten des Verstorbenen eingelassen. Denn „anonyme Bestattungen gibt es auf katholischen Friedhöfen nicht“. Sie entsprächen nicht dem christlichen Menschenbild. „Deshalb bieten wir ja Alternativen an, bei denen die Angehörigen die Grabstätte nicht pflegen müssen“, erklärt die Verwalterin. Außerdem nehme die Zahl der Alleinlebenden in Berlin zu, um deren Gräber sich möglicherweise gar keiner kümmern kann.
Das Rasenreihengrab hat auch eine Variante für Paare, sozusagen ein „Komplettpaket für zwei“. Annegret Habel reagiert auch mit dem „Paargrab“ auf die Wünsche der Menschen: „Viele sagen, wenn sie für ihre Beerdigung vorsorgen: ‚Gut, das ist für mich, aber was ist mit meinem Partner, mit ihm bin ich doch durchs Leben gegangen‘.“ Beim Paargrab wird die Nebengrabstätte mit erworben, und so ist garantiert, dass die Partner nebeneinander ihre letzte Ruhe finden. Wobei die Friedhofsverwalterin unter dem Begriff „Paar“ zwei Personen versteht: „Das können auch zwei Freunde sein oder Mutter und Tochter.“ Zwei einheitlich gestaltete Grabsteine weisen Namen und Lebensdaten beider Verstorbener auf. Auch diese Anlage wird von den 20 Friedhofsgärtnern gepflegt. Die Kosten hierfür sind in der Grabgebühr enthalten.

Tradition und Moderne

Wenn die Entscheidung für eine Feuerbestattung gefallen ist, bietet der St. Matthias-Friedhof ebenfalls verschiedene Beisetzungsmöglichkeiten an. Neben traditionellem Urnenwahlgrab und Urnenreihengrab wurde das Urnengemeinschaftsgrab als Alternative zur anonymen Beisetzung angelegt. Ein Denkmal, das mit den Namen und den Geburts- und Sterbedaten der Verstorbenen sowie einem Kruzifix versehen ist, dominiert die Anlage. Auf einer gesonderten Fläche können Blumen und Kerzen aufgestellt werden. „Und so können auch die Enkel später nachvollziehen, wo der Großvater beerdigt wurde, und einen Strauß Blumen zum Denkmal bringen, das seinen Namen trägt“, argumentiert Annegret Habel.
Der „Urnenkreis“ ist eine besondere Form der Beisetzung auf dem St. Matthias-Friedhof. In einem hinteren Bereich des Friedhofs gruppieren sich die Urnengräber kreisförmig um 30 Jahre alte heimische Kiefern. Die Namen der Verstorbenen können an einer Holzstele angebracht werden. Der Urnenkreis komme der Tendenz zur „naturnahen Bestattung“ nach, erläutert die Friedhofsverwalterin. Und er habe - im Gegensatz zu den so genannten Friedwäldern - den Vorteil, dass die gesamte Infrastruktur des Friedhofs genutzt werden könne: „Im Wald haben Sie keine Toilette, da laufen Ihnen vielleicht die Wildschweine über‘s Grab, und Gehbehinderte oder Rollstuhlfahrer schaffen die Waldwege bis zur Begräbnisstätte oft nicht.“
Jeder Friedhof kämpfe heute um sein Überleben. Annegret Habel schätzt die Situation nüchtern ein. Die Bestattungszahlen seien rückläufig, und Berlin habe zu viele Friedhöfe: „70 Prozent der Berliner wählen die Urnenbeisetzung, die weniger Fläche benötigt“. Doch die vorhandene Fläche - der St. Matthias-Friedhof ist 10,4 Hektar groß - müsse gepflegt werden wie jedes öffentliche Grün. Ein Friedhof sei ebenso ein Ort der Lebenden, „ein Ort der Kommunikation, gerade für ältere Menschen“. Aber auch Mütter mit Kinderwagen gingen gern über den Friedhof spazieren, erzählt die Verwalterin des traditionsreichen Friedhofs.
1892 wurde der Friedhof der St. Matthias-Gemeinde mit einer Fläche von 5,1 Hektar eingeweiht. Pfarrer Clemens August Graf von Galen, der spätere Bischof von Münster, vergrößerte ihn in den 1920er Jahren um 5,3 Hektar. 1926 wurde mit dem Bau der St. Fidelis-Kirche mit angeschlossenem Kloster der Hiltruper Herz-Jesu-Missionare begonnen. Im Krieg wurden Kirche, Kloster sowie Verwaltungsgebäude zerstört; der Friedhof und viele seiner Denkmäler verwüstet. 1951 erfolgte der Aufbau der Kirche in veränderter Form, ab 1966 Neubau von Pfarrsaal, Verwaltungsgebäude sowie eines Blumenladens. 2002 wurde die alte Sauer-Orgel der St. Fidelis-Kirche durch einen Neubau der Firma Späth ersetzt. In der Kirche wird regelmäßig die Heilige Messe für die Verstorbenen des Monats gefeiert. „Das Monatsamt wird gut angenommen, auch von Nichtkatholiken“, sagt Annegret Habel.