Nicht die St. Matthias-Kirche auf dem Winterfeldtplatz ist gemeint – sie wurde erst 1895
geweiht. Die Pfarrei besteht seit 1868 und ebenso die ehemalige Pfarrkirche in der Potsdamer
Straße, die zurzeit von der syrisch-orthodoxen Gemeinde
Mor Jacob (St. Jacob) genannt
wird. Um diese erste Matthias-Kirche geht es hier. Sie befindet sich neben dem heutigen
Wintergarten.
Schon im 19. Jahrhundert gab es in unserer Gegend eine Straße, die Berlin mit Potsdam verband, zwei Ortschaften, die für die preußischen Könige bedeutend waren: die Potsdamer Strasse. Wer nun als römisch-katholischer Christ im 18. Jahrhundert in einer seinem Wunsch entsprechenden Kirche die Heilige Messe mitfeiern wollte, musste nach Berlin in die St. Hedwigs-Kirche, die "umgekehrte Kaffeetasse" Friedrichs II, des Großen, oder nach Potsdam – ab 1848 auch in die von Friedrich Wilhelm IV gestifte Marienkirche am Behnitz in Spandau. Es waren aber wohl in jenen Tagen nur wenige Menschen in diesem Landstrich und an dieser Strecke da, die das begehrten, die es tun konnten und auch durften.
Kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts vermachte nun ein Herr Dr. Matthias Aulike aus dem Münsterland – in Berlin als Direktor im Ministerium der Geistlichen Angelegenheiten angestellt – testamentarisch der Hedwigskirche 20.000 Taler zur Errichtung einer katholischen Seelsorgestelle in Schöneberg vor dem Postdamer Tor. Seinen Familiennamen kennt kaum noch jemand; aber dass „Matthias“ sein Taufname war und er aus Münster stammte, das hatte Folgen. Die neue Gemeinde sollte nämlich Matthiasgemeinde heißen und von der Diözese Münster mit Priestern besetzt werden. (Die bisherigen neun Pfarrer von St. Matthis kamen aus dem Bistum Münster und bis 1960 auch die Kapläne.)
In der Potsdamer Straße, die schon von der Kanalbrücke ab teilweise von
Häusern gesäumt war, kaufte man ein Grundstück und baute hinter dem einstöckigen Wohnhaus
in der Mitte eines Gartens eine einschiffige Kapelle, die dann am 4. Juni 1868 benediziert
(gesegnet) und Matthiaskirche genannt wurde. Hier geschah nun alles, was zu erwarten war:
Sakramente wurden gespendet, es wurde gepredigt, gesammelt, betreut und gebaut….Es gab ein
geselliger Vereinsleben, und die Gemeinde begann rasant zu wachsen.
Die Reichsgründung und die Industrialisierung holen viele Menschen nach Berlin; und bald hat die Gemeinde eine Seelenzahl, die so hoch ist wie die der heutigen Matthiasgemeinde. Man erweitert die Kirchen um ein Seitenschiff, baut ein neues Pfarrhaus, renoviert, schmückt, aber das Raumproblem bleibt: man benötigt eine größere Kirche. 1893 erwirbt man einen Bauplatz auf dem Winterfeldtplatz, und am 24. Oktober 1895 wird die neue Kirche konsekriert (geweiht).
Die alte Kirche heißt nun „Kapelle“ und bekommt am 27. März 1896 einen Kuratus. (Das ist einer der Kapläne von St. Matthias, der sich als Quasi-Pfarrer vornehmlich um dieses Gotteshaus zu kümmern hat.) Die Kapelle wird weiter ausgebaut: ein neuer Hochaltar, neue Kommunionbank, neuer Kreuzweg, Heizung, mehr Licht durch neue Fenster.
Rund um St.
Matthias entstehen neue Gemeinden: St. Bonifatius, St. Elisabeth, St. Norbert, sie alle haben
einen Kirchenraum, sind unabhängiger, haben nicht nur eine „Kapelle“ – das Gefühl der
„geraubten Würde“ drückt sich aus.
Am 1. Juli 1921 gibt es das Recht und die
Pflichten der selbständigen Seelsorge für die Kuratie: die Kapelle heißt „Kuratiekirche
St. Matthias“. Vermögensrechtlich gehört die Kuratie weiterhin zu St. Matthias.
Es wird weiter ausgebaut: neue Orgel, Pfarrbücherei, Raum für Sekretariat. Zum 60. Bestehen 1928 erfolgt die feierliche Konsekration (Weihe) „in honorem St. Matthiae“ und „in honorem St. Ludgeri“; die Kirche heißt nun St. Ludgeruskirche. Bei den Feierlichkeiten ist auch der Pfarrer Graf von Galen dabei. 1929 kommen Teile des Tiergartenviertels zum Seelsorgebezirk St. Ludgerus.
1935 will man wieder bauen. Das Haus ist marode, der Putz fällt von der
Fassade, die Leitungen sind sehr brüchig. Das Bistum hat kein Geld, das städtische Bauamt
weist auf architektonische, historische Substanz hin. Dann wird aber doch die Hausfront
erneuert, die Läden bleiben. Über dem Eingang wird ein vergoldetes Monogramm Christi
angebracht.
Immer wieder bemüht man sich beim Ordinariat um eine Erhebung zur Pfarrei unter Hinweis auf andere Nachbarpfarreien, wobei man die Besetzung durch Geistliche aus Münster beibehalten möchte. Vergeblich. Man tritt auch an den Bischof von Münster heran, der aber äußert sich nicht dazu.
Die Raumnot spielt eigentlich schon immer eine Rolle, sie wird aber besonders fühlbar, als die Nationalsozialisten keine Betätigung der Kirche außerhalb kirchlicher Räume zulassen. Wo soll nun Unterricht stattfinden, wo Chorproben, Bücherausleihe, geselliges Treffen? Der Versuch, zwei vorne gelegene Läden für diese Zwecke zu bekommen, wird vom Bistum nicht unterstützt.
1937 gründliche
Renovierung des Kircheninneren. Streit über Stil- und Geschmacksfragen.
Der Krieg macht
sich bemerkbar. Litauer, Polen, Italiener müssen betreut werden, beargwöhnt durch die
Geheime Staatspolizei.
1943 schenkt der Bischof von Münster eine Ludgerusreliquie.
1945 zerstören Bomben und Granaten Teile der Gebäude. Nach dem Einmarsch der Russen brennt
der Rest aus ungeklärten Gründen ab. Die Trümmer des Vorderhauses werden 1947 abgeräumt.
In den Ruinen werden so gut es geht Messen abgehalten. Es wird organisiert, repariert,
gebaut, gestohlen (die Dachrinne, Bleirohre, die Toilette).
Dann geht es wieder
aufwärts: neue Orgel, Glocken, Bänke, eine besondere Schönstatt-Kapelle, die für die
Gemeinde sehr wichtig war.
Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 wird die Potsdamer Strasse
Sackgasse. Die Strasse und die Gegend haben sich gewandelt. Grell, bunt, laut ist sie geworden.
Neue Formen der Selbstverwirklichung bieten sich allenthalben an. Desinteresse an christlicher,
insbesondere kirchlich geprägter Lebensgestaltung wird immer auffälliger. Gute Familien
ziehen weg.
Und jetzt, 1964 nach langem Warten: Ludgerus wird vermögensrechtlich eine selbständige Kuratie. Die Kirche bekommt einen Glockenturm mit einem richtigen Geläut und kann gemeinsam mit dem Bischof und der Matthiasgemeinde vom Winterfeldplatz die Hundertjahrfeier begehen.
1970 Gerüchte: Ludgerus wird wieder St. Matthias „zugeteilt“; es gibt aufgrund des Priestermangels keinen neuen Pfarrer; „da sind nur alte Leute“ soll das Ordinariat gemeint haben (etwa 1836 Seelen). Man bekniet den Generalvikar bei passender Gelegenheit, verweist auf vergleichbare Gemeinden.
1971 überraschend: ein neuer Pfarrer ist da – ein Berliner allerdings – wider eine hundertjährige Tradition. Mit diesem Pfarrer besteht die selbständige Kuratie bis Ende 1983 und wird am 1.1.1984 mit St. Matthias „wiedervereinigt.“
Die Kirche wurde der syrisch-orthodoxen Gemeinde zur Verfügung gestellt – erst für 10 Jahre, dann um weitere 10 Jahre verlängert und schließlich in einem „Erbaurechtsvertrag“ bis 2065 überlassen.
Gerhard Jänicke