Betrachtung der Kirchenfenster - Teil zwei

Das Wort Christus war, noch ehe etwas war, und nichts wird bleiben, was nicht zurückgefunden hat zu ihm. So sagt es auch das Bild vom verlorenen Sohn. Damit aber zurückgefunden werden kann, ist von Anbeginn Gott selbst wirksam inmitten der Geschichte. Jedes der Seitenfenster ist ein solches Ereignis. Ein Ereignis, wo Gott herzugenaht ist, damit Menschheitsgeschichte nicht in Krieg, Selbstzerstörung und Tod der Gottesferne endet, sondern der Weg zum Leben bleiben kann. Gerade noch reicht das Licht, um die kleinen Zeitzeugnisse erkennen zu können. St. Matthias, noch ehe Bomben auf Berlin fielen, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wie sie mit ihrem vom Krieg zerstörten Turm zum Wahrzeichen unserer Stadt wurde. Heute ist Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima.

Heute ist das Fest der Verklärung des Herrn. Mose und Elia sprachen darüber, welchen Ausgang sein Leben in Jerusalem nehmen würde. Menschheitsgeschichte, ohne daß er sein Licht immer neu hereingäbe und die Geschichte mitgegangen wäre bis zum Tod am Kreuz, wäre unerträglich und nur Weg, der im Grauen des Nichts endete. Mit ihm jedoch ist der Weg gehbar, ER ist der Weg. Es ist dunkel geworden. Ich will ein andermal wiederkommen, um mir durch die Fenster weiter von Gott und der Welt, von seinem Leben und meinem Leben erzählen lassen. 9. August, Gedenktag der Seligen Edith Stein. Noch klingen in meinen Ohren einzelne Nachrichtenfetzen: Jahrestag des Abwurfs der 2. Atombombe über Nagasaki, 70.000 Menschen starben; Balkan: 150.000 Menschen auf der Flucht; 3,7 Millionen Arbeitslose in Deutschland.

Mose mit dem Volk Israel unter der WolkeIch gehe ganz nach vorn, dorthin wo am Morgen das hellste Licht hereinscheint: Strahlend hell der Weg des Volkes Israel durch die Wüste. Sie gehen geführt von seinem Engel, seinem Licht; geführt durch Mose, den Gott gerettet hat, damit er sein Volk herausführen kann aus dem Sklavenhaus. Das Passahfest ging voraus. Es ist das erste aller Geschichtsfeste. Bis zu jener Stunde, da Gott sein Volk herausführte, lebte alle Menschheit im mythischen Kreislauf der Natur gefangen. Erst wenn Gott auf den Weg ruft und dem Menschen ein Ziel zeigt, kann er aus dem Kreis brechen und fortschreiten auf das Ziel hin, das Gott ihm zeigt. Und Gott selbst geht mit. Er ist der Fels in der Wüste, aus dem das Wasser strömt. "Gott sieht",  sagt Abraham, dann kann er gehen, auch ohne konkret erkennen zu müssen. Und so geht er mit seinem Sohn in die Verheißung und Vorsehung Gottes mitten hinein. Ein Engel hat den Propheten Habakuk beim Schopf gepackt, damit er Daniel in der Löwengrube eine Schale mit Essen brachte.

Nicht einmal der Hauch von Todesangst umweht das Bild von Daniel in der Löwengrube. Stiller Osterfriede strahlt allein entgegen. Gott ist da. Elia schaut auf mich herab: Nein, ich sehe die andere Seite des Todesgeschehens noch nicht wie Elias Schüler Elischa. Noch bleibt für mich der Tod allein Tod und ist nicht der Kuß Gottes und das im feurigen Wagen zu ihm gefahren werden. Vielleicht sollte ich gerade dieses Fenster öfter betrachten. Drüben singt David. Das Auf und Ab seines Lebens ist Gotteslob. Trotzdem und gerade! Ist Gott inmitten der Geschichte, muß sie Heilsgeschichte sein in Blick nach links. Odysseus, am Mastbaum gefesselt. Ich weiß, dieser antike Mythos ist den Kirchenvätern zur Chiffre geworden, wie man sich in den Versuchungen der Welt am Kreuz Christi festmacht. Ich bin eine Frau, und diese Form von heldisch heroischem Christentum will mir so recht lebensformend nicht scheinen. Ich kann diese Art und Weise auch wirklich nicht im Leben Jesu wiederfinden, aber das mag ja daran liegen, daß ich es mit den Augen einer Frau betrachte.

Rot, blau und grün sind die Farben der Marienfenster. Grün ist die Farbe der Erde, der Natur, die Farbe des lebenspendenden Geistes. Blau ist die Farbe des Himmels, die Farbe der herabsteigenden Gnade. Rot ist die Farbe des Menschen, die Farbe der Liebe und des Ostergeheimnisses. Es wäre schade, die Kraft dieser Bilder in schwache Worte zu fassen und die Gesammeltheit ihrer Aussage in Einzelheiten aufzulösen. Es ist schön und wohltuend, unter diesen Fenstern zu verweilen. Einfach nur so.
"Die Sterne verlöschen, die Sonn', die jetzt brennt,
wird einstens verdunkeln, und alles sich endt.
Du aber wirst strahlen noch lang nach der Zeit
in himmlischer Glorie durch all Ewigkeit".

Menschheitsgeschichte wird vergehen, sowohl ihr Glanz als auch ihr Elend. Selbst Sterne verglühen, und auch diese Fenster werden - mit Sicherheitsglas gesichert - vielleicht die Jahrhunderte überdauern, aber auch sie bleiben nicht. Heute jedoch geben sie mir Zeugnis von dem, was bleibt.
Ich gehe zum Ausgang Richtung Goltzstraße und verweile, wie es bei vielen guter Brauch ist, beim Bild der "Immerwährenden Hilfe". Mich endgültig zum Ausgang wendend, stehe ich vor dem Fenster mit dem Bildnis der "Heimkehr des verlorenen Sohnes". Christus selbst ist der verlorene Sohn. Er ist in alle menschliche Verlorenheit hinausgegangen, um nun mit allen, die es wollen, zum barmherzigen Vater, der weit die Hände ausbreitet, heimzukehren. Hier in diesen Armen darf also eines jeden Menschen Geschichte enden. Wer kann Hoffnung für sich finden und hatte sie nicht dabei für die ganze Menschheit gefunden. Licht durch die Kirchenfenster- Illustration des Wortes: Ich mache eure Finsternis hell.