Es ist noch etwas Zeit bis zur Abendmesse. Draußen ist ein fast überhelles Licht; so hell ist es, daß es die Farben der Dinge dieser Welt blaß erscheinen läßt. Hier im Innenraum ist das Licht auch hell, aber mild und dem Auge angenehm. Es ist Sonntag, Fest der Verklärung des Herrn.
Auf den weißen Mauern und Pfeilern ein lebendiges Spiel von Licht, Formen und Farben. Die starken Farben des Verkündigungsfensters auf der Westseite malen den großen Pfeiler auf der Ostseite gelb und blau, und das dunkle Rot, welches das Mysterium des Liebeswillens Gottes in der Botschaft des Engels an Maria aussagt, wirft feurigen Schein, um ein vielfaches heller als es selbst ist, auf die Mauerfläche gegenüber, direkt unter dem Fenster, das Daniel in der Löwengrube darstellt.
Ich setze die Brille ab und gönne mir das besondere Erleben der Kurzsichtigkeit: Allein die Farben wahrnehmen, die Hell-Dunkel-Variationen und nur noch die großen Formen und Linienführungen. Von den sechs Fenstern im Schiff geht Ruhe der Farbe und erhabene Spannung der Form aus. Je ein Motiv wie in einem Medaillon eingeschrieben im unteren Teil, hoch überwölbt von einem Rundbogen. Dieser Bogen ist aber keineswegs ein begrenzender Abschluß, sondern über ihm scheint etwas ganz Wesentliches, stark Konturiertes, das einmündet in einem Spitzbogen - oder bricht es aus diesem hervor? Hoch wird das Auge gelockt; denn hat es erst, um Deutung bemüht, beim Motiv verweilt, gleitet es ohne Ablenkung die ruhige mittlere Zone der sanften Grautöne empor, ganz hoch empor.
Dort oben zeichnet sich ein Gesicht ab, Augen, die nur Schauen sind, eine Hand, ein weiter Gewandärmel . Ich setze die Brille wieder auf. Ja, so ist es bei allen Seitenfenstern. Ein Engel bricht hervor aus dem oberen Teil (den der Spitzbogen nicht begrenzt, sondern durch den vielmehr angezeigt ist, daß immerfort etwas aus jener anderen Welt in unsere begrenzte Welt, die runde Abgeschlossenheit, wie wir sie manchmal uns zu schaffen suchen, hereinbricht). Diese Bewegung des Hereinbruchs des Göttlichen wird durch die senkrechte, dynamische Linienführung der Flügel deutlich. Und was dieses Göttliche für mich, den Menschen, sein will, zeigen mir Antlitz und Handgebärde der jeweiligen Engel. Er sieht, sagt mir ein jedes der englischen Wesen; er weist mir den Weg; er holt mich heraus; er rüttelt mich auf; er fordert mich auf, hinzuzutreten zum Thron der Gnade; er lockt, einzutreten in sein eigenstes Geheimnis, welches auch des Menschen letztes Geheimnis und tiefster Sinn ist.
Die Zeit ist wie im
Engelsflug vergangen. Die heilige Feier hat begonnen. Ich schaue nach vorn. Dort in der Mitte
die Darstellung der
Verklärung des Herrn.Hoch außgerichtet in der einen Hälfte der Verklärte in der anderen,
die Köpfe geneigt - fast zu einer Person geworden - Mose und Elia.Mose gab dem Volk Israel
das Gesetz, die Thora. Weisung, von Gott her. Elijahu, mein El, mein Gott ist Jahwe! Der
Prophet Elia war von Gott gesetzt zu streiten gegen die Finsternis der Gottvergessenheit und
die Unterwerfung an die Götzen - beides geht immer in eins. Hier stehen beide lauschend dem
gegenüber, der mehr ist als Gesetz und Propheten. Mehr als allein Erfullung und Vollendung
von Gesetz und Propheten; denn in ihm ist Gott selbst in seinem Sein für uns und mit uns
gegenwärtig.
"Jahwe", so hat sich Gott dem Mose offenbart, als dieser ihn fragte: "Was
ist's um deinen Namen?" "Jahwe" d.h. "Ich bin da mit dir, als der ich dasein werde."
Wie dieses Mit-mir-Dasein Gestalt geworden ist und darum mein Glaube und meine ganze Hoffnung sein darf, lassen die anderen Fenster des Altarraums erzählen. Während beim mittleren Fenster zu Füßen der dargestellten Personen keine Bewegung die Erhabenheit des Augenblickes zu stören wagt, herrscht auf dem Bild zur Rechten und zur Linken eine so starke, bewegte Linienführung, daß ich froh bin, auf den alten, steinernen Fußbodenplatten unserer Kirche festen Stand zu haben. Unten aufgewühltes Wasser, oben aufgeregte Jünger, inmitten der ruhig schlafende Jesus. Mache ich mein Auge an ihm fest, geht etwas von dieser Ruhe auf mich über. Die geistlichen Lehrer sagen, am wichtigsten sei ausreichender Schlaf.

Ich will es mir zu merken versuchen. Aufgeregte und entnervte Aktivität
also rettet keinesfalls diese Welt und darum auch nicht mich. Das Bild des sinkenden Petrus
zur Linken bestätigt mir die Richtigkeit dieses Vorsatzes. Das bloß vorwitzige: "O, ich kann
es gewiß!" gibt keinen festen Boden unter den Füßen (auch nicht durch das Selbststudium
eines der vielen Bücher mit dem Titel "Die Kraft des positiven Denkens"), sondern der Glaube
an seine Treue, die mich mit seinem Arm umfängt. Jahwe ist sein Name. Ich bin da mit dir! Und
wie du mich in meinem Dasein mit dir erfährst, so darfst du mich rufen. "Gott, Jesus, dessen
Hand mich nicht losläßt, wenn der Boden unter den Füßen mir keinen Halt mehr gibt!" Haben
genau dies nicht schon zu Beginn die Gesten der Engel versprochen? Doch auch die Jünger, sagt
Markus, waren bei der Vermehrung der Brote noch nicht zum Glauben gekommen. So bleibt mir nur,
betroffen wie Petrus, zu schauen nach dem wunderbaren Fischfang. Eine unzählbare Menge von
Fischen, obwohl es nicht günstige Zeit für guten Fang war.
Unsere Zeit scheint mir sowieso
ganz und gar nicht gunstvoll fur Jesu Dinge. Ja, eine unzählbare Zahl von Fischen, der
Künstler hat darum gleich darauf verzichtet, sie einzeln abzählbar abzubilden. Und er meinte
sicher auch nicht, ich sollte uns jetzt zählen, die wir hier am Sonntagabend versammelt sind.
Die Gabenbereitung beginnt.
Zwölf Körbe mit Brot werden sogar noch übrig bleiben, verkündet das Fenster neben dem
sinkenden Petrus. Heute so wie damals. Jetzt in dieser Stunde wird sich das Wunder vollziehen,
und dann soll ich hinausgehen und austeilen. Gut, daß es die Zeugen über dem Matthiasaltar
gibt. Nach der Eucharistiefeier sollte man dort noch ein wenig verweilen. Das Licht ist matter
geworden, so ist das Grau gedunkelt und noch stiller geworden, nur noch tragender Grund. Doch
noch ist genug Helligkeit, und die starke Farbigkeit dieser vier Fenster kommt einem geradezu
entgegen, verhüllt, wird zum Rahmen, und hervor treten die Zeugen. Matthias, der seine Wahl
noch nicht fassen kann. Scheu zeigt er mit dem Finger auf sich selbst, damit nur dem
Fingerzeig der auf ihn weisenden Apostel gehorsam folgend. "Ich bin gemeint?" "Ja, du!" "Ich?"
"Ja, du!" Mit ihren großen, ernsten Augen schaut Edith Stein ins Kirchenschiff, unter ihr ein
Gewand im Feuer. Und daneben: Menschen gehen ins Namenlose, selbst Namenlose geworden. Die
Welt hat für sie keinen Platz bereit, kein Raum war in der Herberge. Keine Zeit, keine Epoche
wird nach ihnen benannt werden. Sind es jüdische Menschen auf dem Weg in die Vernichtungslager
und Edith Stein mitten unter ihnen? Sind es die schlesischen Weber mit ihren Familien, die nach
vergeblichem Aufstand sich in das eben zur Industriestadt herangewachsene Berlin der
Jahrhundertwende aufgemacht haben und dort das arme katholische Berlin begründen werden? Noch
heute bewohnen die meisten Katholiken Berlins die typischen Arbeiterbezirke. Oder sind es zwei
Jahrhunderte zuvor die rheinischen Bauernsöhne, für die kein Landstück Erbe mehr blieb und
die darum nach Schlesien aufbrachen und es besiedelten? Sind es die aus ihrer Heimat
Vertriebenen am Ende des II. Weltkrieges? Sind es die Bürgerkriegsflüchtlinge aus vielen
Ländern unserer Erde? Alle diese sind es! Und dann ist auch die heilige Familie darunter, so
wie sie im Fenster der Totengedenkkapelle dargestellt ist. Gehöre ich morgen vielleicht auch
zu ihnen? Wird mich die Geschichte dort in diesen Zug einreihen? "Ich bin die Straße aller
ihrer Straßen", laßt Gertrud von Lefort die Kirche sprechen, "auf mir ziehen die
Jahrtausende zu Gott". Dann hat der Flüchtlingsstrom, auch wenn ihn kein Land dieser Erde
mehr aufnehmen will, dennoch ein Meer, in das er einmünden darf: Gott. In ihm wird alle
Geschichte einmünden, und er allein wird sie deuten. Das Lamm auf dem Thron, das Lamm wie
geschlachtet, ist würdig, die sieben Siegel aufzubrechen und das Buch zu lesen.
