Die Orgel in St. Fidelis

Eine neue Friedhofsorgel für Berlin

fidelisorgelWer jemals auf dem St. Matthias-Friedhof anlässlich einer Beerdigung die alte Orgel spielen musste, erinnert sich vielleicht noch mit Grauen an die eklatante Unzuverlässigkeit dieses Instrumentes. Speziell, wenn man Solisten zu begleiten hatte, passierte es immer wieder, dass viele wichtige Töne einfach nicht funktionierten, was das Zusammenspiel arg erschwerte. Ganz leicht stand man trotz besten Wollens und Könnens als "Orgeldepp" da.

Diese Orgel war nach dem 2. Weltkrieg zunächst als Notorgel für die St. Matthias-Gemeinde angeschafft worden. Ursprünglich hatte sie nur 8 Register auf zwei Manualen und Pedal. (Orgelbau Sauer, Frankfurt/Oder) Nachdem sie ihren Dienst erst bei Notgottesdiensten in diversen Schul-Aulen getan hatte, wurde sie dann in der St. Matthiaskirche leicht vergrößert aufgestellt. Durch Um- und Zubauten verschiedener Firmen wuchs sie innerhalb von 6 Jahren auf 17 Register an. Als 1958 dort wieder eine große Orgel angeschafft werden konnte, wurde die Sauer-Orgel wiederum vergrößert (auf insgesamt 20 Register) und durch die Firma Fleiter (Münster i.W.) mit einem neuen Spieltisch versehen, in der St. Fidelis-Kirche aufgestellt (Gutachten von Prof. Joseph Ahrens im Gemeindearchiv erhalten). Durch die verschiedenen Umzüge, Erweiterungen mit andersartigen Materialien und Windladensystemen, Verschleiß von Lederteilen und korrodierte elektrische Kontakte war sie im Lauf der Jahre dann in einen Zustand geraten, der eine Reparatur nicht mehr als sinnvoll erscheinen ließ. So kam es zu einem Neubau, bei dem die 4 wertvollsten Register der alten Orgel wiederverwendet werden konnten.

 

fidelisorgelAus den Angeboten von 5 Firmen, die dem geforderten Ideal einer "Festliche Trauerorgel", (Verwendung großer und warmer Klänge auf möglichst kleinem Raum, geschickte Mehrfachnutzung von Registern) nahe kommen sollten, entschied sich der Kirchenvorstand von St. Matthias auf Anraten des zuständigen Orgelbausachverständigen der Erzdiözese (Norbert Gembaczka) für die Firma "Freiburger Orgelbau - Hartwig Späth", die schon einige schöne Instrumente in Berlin gebaut hat. Vor wenigen Tagen erst wurde die Renovierung und gründliche Neuintonation der großen Späth-Orgel in St. Clara (Neuköln) fertiggestellt.

Das massive Eichengehäuse mit selbsttragender Konstruktion des gesamten Orgelwerkes nimmt die romanischen Formen der Kirchenarchitektur (Rundbogenfenster) auf. Der Spielschrank in der Front ist einfach und übersichtlich gestaltet. Die Verarbeitung macht einen sehr gediegenen Eindruck.

 

Die Spiel- und Registertraktur ist durchgehend in Holz gebaut, wie es sich seit dem Mittelalter bewährt hat. Elektrisch sind nur die tiefsten 12 Töne des labialen 16´-Registers angesteuert. Auch der Tremulant des I. Manuals wird elektronisch synchronisiert, da die beiden Laden weit auseinanderliegen.

Die Lade des I. Manuals ist geteilt in C- und Cis Seite. Beide Teile stehen auf Sturz (längs im Raum), hinter den beiden äußeren Pfeifenfeldern. Das Grundregister der Orgel "Prinzipal 8`" steht großenteils im klingenden Prospekt.

Die gemeinsame Windlade des II. Manuals und des Pedals stehen erhöht im mittleren Teil der Orgel in einem Schwellkasten, der vom Spieler mittels eines Trittes geschlossen bzw. geöffnet werden kann.
Diese Konstruktion hat experimentellen Charakter. Die Pfeifen sollen sowohl mit den Händen gespielt werden können, als auch als Bassfundament, mit den Füßen zu spielen, fungieren. Diese Bauweise ist platz- und kostensparend, hat natürlich auch einige Nachteile.

Die Wechselschleifen-Technik verlangt vom Spieler die Entscheidung, ob er das jeweilige Register (15 - 18 bzw. 22 -25) im Manual oder im Pedal spielen will. Die Registerzüge sind miteinander verbunden und lösen sich gegenseitig aus. Gemeinsam geht es auch, wenn man die Koppel II - P einschaltet. Die Grundregister (11 - 13 bzw. 19 - 21) sind unabhängig und als Transmissionsregister jederzeit benutzbar.

 

fidelisorgelDie vorzügliche Intonation von Reiner Janke ist weich und angenehm, der menschlichen Stimme abgehört und angemessen. Die theoretisch problematischen Übergänge zwischen dem Bassbereich und dem Diskant sind überzeugend gelöst. Die beiden Zungenregister im Schwellwerk (Englisch Horn 16´ und Oboe 8´) wurden nach englischem Vorbild gebaut, sind solistisch in allen Lagen einsetzbar, zugleich auch akkordisch und als Plenumregister noch gut zu vernehmen. Das Holzregal 8´ im ersten Manual stammt aus der alten Orgel (hieß dort "Krummhorn 8`) , wurde neuintoniert und passt sich ebenfalls sehr gut ein.

Weitere Register der alten Orgel sind: a) " Subbass 16´", jetzt um 31 Pfeifen erweitert und im Manual "Bourdon 16´" genannt; b) "Rohrflöte 8´" aus alten schweren Zinnpfeifen (19. Jhdt oder älter) und c) "Oktave 4´", Pfeifen, die erst 1993 in die Vorgängerorgel eingebaut worden waren.

Für "Flauto amabile 4´" im Schwellwerk, die sowohl flötig klingen, als auch ein Ersatz für einen fehlenden "Prinzipal 4´" sein soll, fand sich im Pfeifenarchiv der Fa. Späth ein historisches aus England stammendes Holzregister, das beide Funktionen optimal erfüllt.

Disposition und Intonation sind abgestimmt auf den Hauptzweck "Friedhofsorgel". Natürlich ist das Instrument aber auch für alle anderen gottesdienstlichen wie auch konzertanten Zwecke geschaffen.

Die solide Bauweise lässt eine lange Lebensdauer dieses prächtigen Instrumentes erwarten. Allen Spielern kann man viel Vergnügen wünschen.

Mit diesem "Organum" (lat.: Instrument, Werkzeug) fällt es leicht, allen Hörern Geborgenheit und Trost aus der Musik zu vermitteln.
Ein Instrument zum Lobe Gottes, den Menschen zum Wohlgefallen!
Norbert Gembaczka

 

Disposition (Ulrich u. Norbert Gembaczka, Hartwig Späth u. Reiner Janke)

I. Manual, Hauptwerk, C - c4  
1) Prinzipal 8´ neu, teilw. Prospekt, Zinn 80 %
2) Rohrflöte 8´ alt, C-H Holz, Rest metall, Diskant ergänzt
3) Viola di Gamba 8´ neu, Zinn 70 %
4) Oktave 4´ aus Prinzipal 8´alt, Diskant ergänzt
5) Spitzflöte 4´ neu, Zinn 70 %
6) Nazard 2 2/3´ neu, Zinn 35 %
7) Waldflöte 2´ neu, Zinn 35 %
8) Terz 1 3/5´ neu, Zinn 35 %
9) Mixtur 3 - 4f. 1 1/3´ neu, Zinn 70 %
10) Holzregal 8´ alt, Diskant ergänzt
  Tremulant  
II. Manual, Schwellwerk C - c4 (zugleich Basswerk)
11) Bourdon 16´ teilw. aus Subbaß alt, Diskant ergänzt
12) Holzprinzipal 8´ neu, Eiche und Ahorn
13) Salcional 8´ neu, Zinn 70 %
14) Voix celeste 8´ ab c°, neu, Zinn 70 % (schwebend gest.)
15) Flauto amabile 4´ alt (aus England) Holz
16) Rauschpfeife 2 f. 2 2/3´ neu, Zinn 70 %
17) Englisch Horn 16´ neu, Zinn 70 %(englische Bauart)
18) Oboe 8´ neu, Zinn 70 % (englische Bauart)
  Tremulant  
Pedal, C - f1 , (Wechselschleife mit II. Basswerk)
19) Subbass 16´ (Transmission aus 11)
20) Offenbass 8´ (Transmission aus 12)
21) Salicetbass 8´ (Transmission aus 13)
22) Flauto amabile 4´  
23) Rauschpfeife 2 f. 2 2/3´  
24) Englisch Horn 16´  
25) Oboe 8´  
Normalkoppeln II- I, I-P, II-P, Superoktavkoppel II (koppelt über II-I in I durch), Superoktavkoppel II / P

Kollektivtritt "Choralforte", Kollektivtritt "Ab"

 

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