Geschichte der Pfarrei St. Matthias

Eineinhalb Jahrhunderte katholisches Leben in Berlin-Schöneberg

1868

Gründung der Pfarrei St. Matthias am 18. Januar. Älter sind in Berlin nur St. Hedwig (1746), St. Sebastian (1860) und St. Michael (1862). Dank der Stiftung von 20.000 Talern durch den 1865 verstorbenen Ministerialdirektor Matthias Aulike wird in der Potsdamer Straße (heute Nr. 94) die erste St. Matthias-Kirche errichtet und am 4. Juni benediziert. Erster Pfarrer ist Ludwig von Noël aus Dülmen. Die neue Pfarrei zählt anfangs etwa 800 Seelen.

1869

Gründung des St. Matthias-Gesangsvereins, des heutigen Kirchenchores.

1882

Vergrößerung der Kirche durch ein Seitenschiff und Neubau des Pfarrhauses.

1883

Als erster Kaplan an St. Matthias fungiert Wilhelm Worring. Mit zunehmendem Zuzug in das Pfarrgebiet wird die Anzahl der an St. Matthias tätigen Kapläne nach und nach auf regulär bis zu drei in den 1920er und -30er Jahren erhöht. Wie die Pfarrer werden auch sie durch das Bistum Münster nach Berlin entsendet.

1887

Die Pfarrei zählt bereits über 8.000 Seelen – eine Verzehnfachung in weniger als 20 Jahren.

1889

Eröffnung der katholischen Höheren Mädchenschule im Pfarrhaus in der Potsdamer Straße, ab 1896 in Räumen der Hohenstaufenstraße 2 und 3 – 1912 Lyzeum, 1919 „Franziskus-Oberlyzeum", 1941 geschlossen, Juni 1945 wiedereröffnet, heute St. Franziskus-Schule.

1892

Eröffnung des St. Matthias-Friedhofs in Mariendorf.

1892

Steglitz wird von St. Matthias abgetrennt. Erster Kuratus der zwei Jahre später eigenständig werdenden Pfarrei Maria Rosenkranz ist der vorherige Kaplan von St. Matthias Josef Uppenkamp. Ihm folgt Josef Deitmer, der spätere Weihbischof für den Berliner Delegaturbezirk.

1893-1895

Unter dem dritten Pfarrer, Theodor Kappenberg, Bau der neuen dreischiffigen St. Matthias-Kirche auf dem Winterfeldtplatz nach Plänen von Engelbert Seibertz. Konsekration am 24. Oktober 1895. In diese Zeit fallen auch die Anfänge des Wochenmarktes vor dem Chor der Kirche. St. Matthias in der Potsdamer Straße wird zur St. Matthias-Kapelle, 1921 dann zu einer eigenen Kuratie. Das neue Pfarrhaus in der Hohenstaufenstraße 2 wird 1896 bezogen.

1895

Inzwischen gehören 11.000 Menschen zu St. Matthias. Zunehmend entfaltet sich ein äußerst reges Vereinsleben in der Pfarrei, u.a. Vinzenzverein (1867), Geselliger St. Matthias-Verein (1869), Bruderschaft vom guten Tode (1871), Marianische Jungfrauen- und Jünglingskongregationen (beide 1892), Frauen- und Mütterverein (1901), Volksverein für das katholische Deutschland (1902), Verein erwerbstätiger Frauen und Mädchen (1907), Katholischer kaufmännischer Verein (1908). 1938 werden insgesamt 14 bestehende Vereine genannt.

1897

St. Matthias zählt 14.000 Seelen.

1902 bis 1906

Ergänzung der Ausstattung von St. Matthias, u.a. durch fünf Glocken und die ersten farbigen Glasfenster im Hauptchor.

1906

Die erste Nummer des „St. Matthias-Blatts" erscheint – die regelmäßig erscheinende Kirchenzeitung ist deutschlandweit ein Novum.

1908

Erste Missionsvorträge der Jesuiten in St. Matthias, in unregelmäßigen Abständen bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. fortgeführt.

1911

Bau der St. Elisabeth-Kirche in der Kolonnenstraße, konsekriert am 19. November. Erster Kuratus ist Theodor Grabe, zuvor Kaplan an St. Matthias. 1920 wird St. Elisabeth eine eigenständige Pfarrei.

1912-1918

Errichtung des St. Norbert-Krankenhauses (bis 1914) und der St. Norbert-Kirche (bendiziert 1916, Arbeiten am Bau bis 1918) in Sichtweite des Schöneberger Rathauses. Erster Kuratus an St. Norbert wird Kaplan Wilhelm Strunk.

1914

Bau der ersten eigens für St. Matthias konzipierten Orgel durch Seifert (Kevelaer, 51 Register).

1914-18

Juli 1914: Andrang der ausrückenden Soldaten vor den Tag und Nacht besetzten Beichtstühlen. Während der Weltkriegsjahre stehen durchschnittlich 1.000 Pfarrkinder im Feld. Der Vinzenzverein an St. Matthias unterstützt die bedürftigen Familien mit Kleidung und Essensmarken, der Pfarrsaal wird als Waisenhaus genutzt.

1918/19

Die Franziskanerinnern von Nonnenwerth beziehen das neben dem Pfarrhaus gelegene St. Antonius-Stift. Sie leiten künftig u.a. das Oberlyzeum, den Kindergarten und zeitweise auch das Pfarrbüro.

1919-1945

Wilhelm Schosland wirkt als Organist und Chorleiter an St. Matthias.

1924-1928

Unter dem sechsten Pfarrer, Clemens August von Galen, Weihe von drei neuen Glocken, da 1917 von den ursprünglich fünf Glocken vier zu Kriegszwecken requiriert worden waren. Einbau von Buntglasfenstern in den Seitenchören und Beschaffung der zweiten St. Matthias-Reliquie (1928), nachdem die erste 1923 gestohlen worden war.

1926/27

Bau der ersten St. Fidelis-Kirche auf dem Friedhof nach Plänen von Heinrich Gerlach, konsekriert am 1. November 1927 und St. Fidelis als Kuratie errichtet.

1928

Konsekration der St. Matthias-Kapelle in der Potsdamer Straße, die dabei den Namen St. Ludgerus-Kirche erhält.

1931

Unter dem siebten Pfarrer, Albert Coppenrath, Umgestaltung des Kircheninneren durch Fritz Wingen. Vor allem Kanzel und Hauptchor werden verändert. Die Mensa des Hochaltars wird getrennt in den vorderen Teil des Chores gerückt, um, so Coppenrath, „die Idee der Opfergemeinschaft von Priester und Volk zu betonen".

1934

Der frühere Pfarrer und neue Bischof von Münster Clemens August von Galen feiert vor 1.500 Gläubigen eine Hl. Messe in St. Matthias.

1934

Erwerb eines Grundstücks in Lichtenrade und Ausbau zur bis heute gern genutzten „Walderholungsstätte" für die Kinder und Jugendlichen der Pfarrei.

1934

Ermordung des Kirchenvorstandsmitglieds Erich Klausener durch die SS im Zuge des „Röhm-Putsches", die offiziell als Selbstmord ausgegeben wird. Die Auseinandersetzungen Pfarrer Coppenraths mit dem nationalsozialistischen Regime in seinen bald weithin bekannt werdenden „Kanzelvermeldungen" beginnen. Es kommt in den folgenden Jahren wiederholt zu Verhören der Pfarrgeistlichen durch die Gestapo, zu Beschlagnahmungen, zu Störungen der Hl. Messen und zu Zusammenstößen zwischen Hitlerjugend und der Pfarrjugendgruppen (u.a. „Neudeutschland"-Gruppe).

1934 bis 1944

Bis zu 185 Juden werden in St. Matthias getauft, die Höhepunkte liegen in den Jahren 1938-1940. Dies führt schon 1936 zu scharfen Anfeindungen im antisemitischen Hetzblatt „Der Stürmer". Coppenrath pariert von der Kanzel aus: „Im übrigen läßt sich der Pfarrer sein Tun und Lassen nicht vom Stürmer diktieren, sondern von seinem Gewissen. Er wird daher in die von Christus für alle Menschen ... gestiftete Kirche auch weiterhin Andersgläubige jeder beliebigen Rasse aufnehmen, falls keine begründeten Zweifel an ihrer ehrlichen Gesinnung bestehen. In diesem Falle, d.h. also, wenn keine begründeten Zweifel an ihrer ehrlichen Gesinnung vorliegen, würde der Pfarrer auf Wunsch sogar Leute vom Schlage des Stürmer in die Kirche aufnehmen."

1937

Pfarrer Coppenrath wird in einem Prozess wegen Verletzung des „Kanzelparagraphen" unerwartet freigesprochen. Die Begrüßung nach seiner Rückkehr aus dem Gerichtssaal vor dem Pfarrhaus durch eine übergroße Menge von Pfarrangehörigen wird zu einer unausgesprochenen Demonstration des Widerstands.

1938

St. Matthias und die zugehörigen Kuratien St. Ludgerus, St. Norbert und St. Fidelis zählen insgesamt 24.000 Katholiken.

1940

Etwa vierwöchige Gestapo-Haft Coppenraths. Nach der Rückkehr am 6. Dezember 1940 wiederum eine Vielzahl von Besuchen und Glückwünschen, u.a. auch durch den evangelischen Pfarrer der Apostel-Paulus-Kirche Eitel-Friedrich von Rabenau.

1941

Pfarrer Coppenrath wird im Februar polizeilich der Aufenthalt im Bistum Berlin verboten. Er zieht sich in das Bistum Münster zurück.

1943-1945

Weitgehende Zerstörung der Kirche durch Luftangriffe. Die Hl. Messen werden an verschiedenen Orten im Pfarrhaus und im benachbarten Antoniusstift, ab 1945 v.a. in der Sophie-Scholl-Schule gehalten.

1946-1968

Organist und Chorleiter an St. Matthias ist Alber Tinz.

ab 1948

Wiederaufbau der Kirche unter Pfarrer Josef Schütte. Altarkonsekration am 16.Augst 1952, ab 1968 schrittweise Ergänzung der Innenausstattung durch Werke von Egino Weinert (Köln).

1955

Vier neue Glocken aus Stahl werden geweiht.

1957

Die Kuratie St. Norbert wird eigenständige Pfarrei.

1958

Bau der neuen Orgel durch Seifert (Kevelaer) mit 71 (heute 77) Registern nach den Vorstellungen von Albert Tinz. St. Matthias erhält somit – entgegen dem damaligen Trend im Orgelbau – ein klanglich breit aufgestelltes, auch für die französische Orgelmusik des 19. und 20. Jahrhunderts bestens geeignetes Instrument, das im Musikleben Berlins seither eine wichtige Rolle spielt.

1961-1989

Nach dem Bau der Berliner Mauer erfüllt St. Matthias die Funktion einer inoffiziellen „Konkathedrale". Hier predigt u.a. der Erzbischof von München und Freising, Josef Kardinal Ratzinger am 21. Dezember 1979 beim Requiem für den Berliner Bischof Alfred Kardinal Bengsch. Die Bischöfe Meisner (1980) und Sterzinsky (1989) feiern ihre Einführung auf West-Berliner Seite ebenfalls hier.

1977

Beginn der Tradition der „Marktmessen" am Mittwoch vormittag.

1983

Die Pfarrei übernimmt als Träger den bisher von den Nonnenwerther Franziskanerinnen geführten Kindergarten St. Matthias in der Hohenstaufenstraße 3.

1984

Die Kuratie St. Ludgerus wird mit der Mutterpfarrei St. Matthias fusioniert. Die Kirche wird der syrisch-orthodoxen Gemeinde St. Jakob zur Nutzung überlassen.

1982-1985

Unter Pfarrer Edgar Kotzur Bau des neuen Pfarrhauses, des Gemeindezentrums, des Seniorenwohnhauses Kardinal von Galen und des Erweiterungsbaus der St. Franziskus-Schule in der Goltzstraße nach dem Abriss von zuvor besetzten Altbauten.

1986/1989

Das „Mauerkreuz" wird in der Kreuzkapelle aufgehängt und am 19. August 1989, dem Tag der Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze in den Chor transferiert.

1987-1993

Die beim Wiederaufbau 1948-1952 geschlossenen Chorfenster werden geöffnet, das gotische Maßwerk wiederhergestellt und die neuen Fenster von Hermann Gottfried aus Bergisch-Gladbach eingebaut.

2004

Die 1920 aus St. Matthias ausgegliederte Pfarrei St. Elisabeth geht wieder in St. Matthias auf. Die ohne wesentliche Schäden durch den Krieg gekommene, reich ausgestattete St. Elisabeth-Kirche in der Kolonnenstraße wird zweiter Standort der Pfarrei.

2005

Seligsprechung des früheren Pfarrers von St. Matthias, Clemens August Kardinal von Galen, durch Papst Benedikt XVI. in Rom. Die Pfarrei erhält eine Reliquie, die im 2007 eingeweihten Reliquiar vor dem St. Matthias-Altar aufbewahrt wird.

2009

Weihe der überarbeiteten und erweiterten St. Matthias-Orgel.

2014

Die Gemeinde richtet zu St. Elisabeth gehörende Gebäude für eine größere Zahl syrischer Flüchtlingsfamilien her.

2014

Der diözesane Weltjugendtag wird mit dem Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Kardinal Woelki in St. Matthias durchgeführt.

2015

Der renovierte und umgebaute Pfarrsaal von St. Elisabeth wird als Cardinal-Bengsch-Saal neu eröffnet.

2016

St. Matthias bildet mit St. Norbert den pastoralen Raum „Schöneberg/Tiergarten Süd" – am 30. November beginnt die sog. „Entwicklungsphase".

2016

Ein Schwelbrand in der Kirche führt zu Schäden an der Orgel und den Fenstern und macht eine Innenrenovierung notwendig.

2017

Die Pfarrei erstellt einen Ergänzungsanhang zum 2013 erschienenen neuen Gotteslob mit überwiegend traditionellem geistlichen Liedgut, der in der Osterzeit eingeführt wird.

2017

Im Hinterhaus von St. Elisabeth öffnet das Exerzitienhaus St. Vincent. Es wird von den Vinzentinerpatres an St. Clemens – der 1910/1911 vom damaligen Pfarrer Clemens August von Galen mit privaten Mitteln erbauten Kirche in der heutigen Stresemannstraße – geleitet.

2018

Zum 150-jährigen Pfarreijubiläum werden unter Pfarrer Josef Wieneke umfangreiche Renovierungs- und Reparaturarbeiten am Äußeren und Inneren der Kirche in Angriff genommen. Rekonstruiert wird auch die Dachbalustrade mit den gotischen Fialen aus der Erbauungszeit. Nach einer zeitweisen Schließung der Kirche in der zweiten Jahreshälfte ist die Wiedereröffnung für Weihnachten 2018 geplant.

2018

Die Pfarrei begeht im Juni mit einem Festmonat ihr 150-jähriges Jubiläum. Am 3. Juni geht die Fronleichnamsprozession zusammen mit dem Bischof von Münster, Felix Genn, von der ersten St. Matthias-Kirche in der Potsdamer Straße zur heutigen Kirche auf dem Winterfeldtplatz. Am 9. Juni, dem Fest des unbefleckten Herzens Mariä, wird die Pfarrei in einer feierlichen Messe am Marienaltar der Gottesmutter geweiht.

Die Pfarrer an St. Matthias 1868 bis heute:

1868-1871 Ludwig von Noël

1871-1890 Jakob Schops

1890-1900 Theodor Kappenberg

1900-1909 Augustin Dierken

1909-1919 Franz X. Sprünken

1919-1929 Clemens August Graf von Galen

1929-1945 Albert Coppenrath

1945-1977 Msgr. Josef Schütte

1977-2013 Edgar Kotzur

seit 2013 Dr. Josef Wieneke

Hinweis:

Zum 150-jährigen Jubiläum der Pfarrei erscheint im EOS-Verlag eine Festschrift mit dem Titel „Fest im Glauben. 150 Jahre St. Matthias Berlin-Schöneberg", die zahlreiche Beiträge und Abbildungen zur Geschichte von St. Matthias enthält.